Die Altweiberfosenocht

Mit Marschmusik führen die Musikanten den Narrenzug durch die Wirtshäuser der Stadt

Sicherlich sind allerlei schöne Narrengebräuche in Bischofsheim im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Manche besondere Tradition allerdings, ist in der Hochburg der Rhöner Fosenocht bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Zu diesen alten, närrischen Gepflogenheiten kann man, trotz wechselnder Lebhaftigkeit, sicherlich die „Altweiberfosenocht“ zählen. Die Meinungen über ihre Anfänge gehen auseinander. Einige Bischofsheimer sind der Meinung, dass es nach dem 30-jährigen Kriege gewesen sein muss. Warum ihre Vorfahren ausgerechnet nach der Heimsuchung durch die Schweden zu feiern begannen, ist unschwer zu erraten: Aus Freude darüber, den Peinigern entronnen zu sein. Andere Böschemer siedeln die ersten Umtriebe der Rhönhexen im Mittelalter an.

Den vermummten Rhönhexen bereitete das Treiben in der Altweibernacht seit jeher  diebisches Vergnügen. Mit Freude hat das Gebaren für deren Opfer hingegen wenig zu tun. Das wird nämlich von den verkleideten Gestalten gefoppt und an der Nase herumgeführt. Auf diese Weise kann man dem ungeliebten Nachbarn Schabernack zufügen, ohne sich selbst zu offenbaren.

Auf Grund seiner langen Geschichte verfiel der Altweiberfasching sicherlich immer wieder einmal in einen kurzen Dornrösschenschlaf, wurde aber stets rechtzeitig wieder von traditionsbewussten Böschemern wachgeküsst und ging daher als Brauchtum bis heute nicht verloren. So wurde zuletzt auch Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Altweiberfosenocht nach kurzem „Winterschlaf“ wieder mit neuem Leben erfüllt, und hat seither für die Maumer nichts von ihrer Einmaligkeit und ihrem Zauber verloren.

Mit der beschaulichen Tradition war es jedoch Anfang der achtziger Jahre schlagartig vorbei. Der Altweiberfasching im Rhönstädtchen erlebte einen Aufschwung, der besonders den Traditionalisten überhaupt nicht behagte. Nach der schwedischen Heimsuchung im 17. Jahrhundert, stand jetzt die Heimsuchung durch wahre Pilgerströme Vergnügungssüchtiger aus Fulda, Schweinfurt und Würzburg an. Bischofsheim wurde zum Mekka des Altweiberfaschings, mit überwiegend negativen Folgen für die Bevölkerung. Die Menschenmassen fielen in die Kleinstadt ein wie seinerzeit die Heuschrecken in Ägypten. Bald artete das Treiben zu einem Alptraum aus. Ohne Ordner und Türsteher war dem Mob nicht mehr Herr zu werden. Schlägereien, Pöbeleien, Alkoholleichen und menschlicher Unrat in allen Gassen. Den Maumern war die Lust auf ihre „Altweiberfosenocht“ gründlich vergällt. Dem vertrauten Halex nachtrauernd, verriegelten sie jetzt sogar die Fensterläden, und verlegten klammheimlich ihren Altweiberfasching auf einen anderen Wochentag. Zum Glück fanden die wilden Zeiten Anfang der neunziger Jahre ihr Ende. Halex tönt es seitdem wieder fröhlich aus den Narrenkehlen in den Gassen und Straßen der Stadt.

In Bischofsheim wird der Altweiberfasching nicht nur am letzten Donnerstag vor Rosenmontag abgehalten. Die Böschemer, närrisch wie sie sind, genehmigen sich  hierfür gleich die letzten vier Donnerstage vor  Rosenmontag.  Hierfür treffen sich seit nunmehr über 30 Jahren die Musikanten der Maumerkapelle an eben diesen Donnerstagen kurz vor acht Uhr abends in der „Degetsmühle“. Dort gibt es traditionell bei der „Mühlenchefin“ den ersten Schnaps des Abends um die Ventile der Musikinstrumente, und die Stimmen für den Gesang zu „ölen“. Die maskierte Narrenschar indes formiert sich, nur einen Steinwurf entfernt, in der Fastnachtsgasse. Bei den kostümierten „Alten Hexen“ ist es verpönt, die Maske vor Mitternacht zu lüften, und es gilt die Regel, dass man alles tun muss, was die Hexe will. Pünktlich zur vollen Stunde eröffnen die Musikanten, gut gestärkt und ebenso gut gelaunt, aus der „Degetsmühle“ kommend, den Altweiberdonnerstag mit einer Schunkelrunde in der Fastnachtsgasse. Unter den Klängen zünftiger Marschmusik führen dann die Musikanten den abendlichen Narrenzug durch die Wirtshäuser der Stadt, verweilen dort jeweils für eine Schunkelrunde, um dann in die nächste Schänke weiter zu ziehen. Da die Kapelle für ihr Spiel in den Gasthäusern auch immer einige Maß Bier vom Wirt spendiert bekommt, braucht der Musikant entweder eine gute Disziplin zur Enthaltsamkeit, oder aber eine gute Konstitution um den Abend und speziell auch den nächsten Arbeitstag gut zu überstehen.